Stellen wir uns eine Welt vor, in der wir ...

Nach Corona: Die Welt hat sich verändert. Wir müssen das auch.

Ein Text von Niall Ferguson

Anstatt auf einen Impfstoff zu hoffen, ist es wohl an der Zeit, uns an das Virus anzupassen. Es dürfte in Zukunft völlig normal sein, dass wir in der Öffentlichkeit Masken tragen. Theater und Kinos könnten derweil aus unserer Welt verschwinden.

Gesellschaftliche Sitten ändern sich stärker, als man denkt. Würden wir durch eine Zeitmaschine ins Jahr 1981 zurückversetzt, wären wir schockiert darüber, wie viel die Leute beispielsweise geraucht haben und wie viel Zeit sie damit zubrachten, vor Telefonhäuschen zu stehen, die nach Urin stanken, mit den Münzen in den Taschen ihrer hässlichen Schlag- oder Röhrenhosen zu klimpern und mit ihren eklig gelben Zähnen zu knirschen. Als Frau wären Sie empört über die offenen sexistischen Männergespräche. Als Nichtweißer würden Sie wegen des beiläufigen Rassismus aufbegehren. Und als Schwuler… nun, darüber später mehr.
Fragen wir uns also, wie sehr die gesellschaftlichen Sitten sich infolge der Covid-19-Pandemie verändern werden. In der vergangenen Woche führte ich mehrere Gespräche über "die Welt nach Covid-19". Meine Reaktion: "Warum verwenden Sie das Wort 'nach'? Warum nicht 'mit'?"


Szenario 1: Alles kommt gut
Ja, zweifellos gibt es ein günstiges Szenario, in dem eines der mehr als siebzig Teams, die an einem Impfstoff gegen Covid-19 arbeiten, den Preis einsackt. Wenn alles gutgeht, könnte dieser Impfstoff durch alle wissenschaftlichen und regulatorischen Reifen springen, in die Massenproduktion gehen und irgendwann in der zweiten Hälfte 2021 verfügbar sein.

In diesem Szenario eines glücklichen Endes gibt es auch Durchbrüche bei Covid-19-Therapien. Neue Forschung bestätigt, dass die Krankheit keine besonders große Gefahr für Leben und Gesundheit jüngerer Menschen darstellt, und wenn sie infiziert werden, gewinnen sie anhaltende Immunität. Auf der Nordhalbkugel wird es Sommer, und die Ansteckung geht zurück. Wenn die Stilllegungen aufgehoben werden und die Menschen zu ihren alten geselligen Gewohnheiten zurückkehren, gibt es keine zweite Pandemiewelle. Auf der Südhalbkugel verursacht die Krankheit keineswegs Verwüstungen – in Afrika erweist sie sich als unbedeutendes Geschehen.

Und wenn wir immer noch auf die Sonnenseite schauen: Die Aktienmärkte erholen sich und die Volkswirtschaften erwachen in Höchstgeschwindigkeit wieder zum Leben – mit einer V-förmigen Kurve, die uns, die wir wegen einer langen Depression besorgt sind, dumm aussehen lässt.

All das ist möglich, und wir sollten fest darauf hoffen. Doch das bedeutet keinesfalls eine hundertprozentige Gewissheit. Nehmen wir nur die Möglichkeit, dass es keinen erfolgreichen Impfstoff gibt. Haben wir ein Mittel gegen Malaria? Nein. Tuberkulose? Nein. Aids? Nein.
Was ist mit dem Rotavirus, der häufigsten Ursache für Durchfallerkrankungen bei Kleinkindern? Ja, dagegen hat man einen Impfstoff gefunden – nach fünfzehn Jahren…

Selbst wenn man einen Impfstoff findet, werden mit dem gegenwärtigen Wettlauf um Entwicklung und Anwendung vielfache Risiken verbunden sein. Und auch wenn es dabei keine Rückschläge gibt, könnte sich herausstellen, dass es wie bei der Grippe abläuft: Man kann sich jedes Jahr impfen lassen, doch ist damit nicht garantiert, dass man sich nicht irgendeinen Stamm einfängt, gegen den man nicht geimpft worden ist.

Szenario 2: Die neue Normalität
Deshalb sollten wir dem nicht so netten Szenario, dass wir mit Covid-19 leben müssen, zumindest ein paar Gedanken widmen – im besten Fall so, wie wir mit der Grippe leben, die jedes Jahr einen regelmäßigen Anstieg der Sterblichkeit auslöst; im schlimmsten Fall so, wie wir langsam und schmerzlich gelernt haben, mit Aids zu leben.

Was uns darauf zurückbringt, wie es war, 1981 schwul zu sein: In diesem Jahr veröffentlichte die Schwulenzeitschrift "New York Native" den ersten Artikel über schwule Männer, die wegen einer seltsamen neuen Krankheit auf Intensivstationen behandelt wurden. (Die Schlagzeile: "Krankheitsgerüchte weitgehend unbegründet".) Erst mehr als ein Jahr später wurde für die nur allzu reale Krankheit der Begriff Aids (acquired immune deficiency syndrome – erworbenes Immunschwächesyndrom) vorgeschlagen.

Ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns eine Welt vor, in der Covid-19 – die Krankheit hat noch einen langen Weg vor sich, bis sie Aids als Killer einholt – sich in gleicher Weise auf das gesellschaftliche Leben auswirkt wie Aids auf das Sexualleben. Das, so will mir scheinen, wäre eine ganz andere Welt, und die Andersartigkeit wäre offensichtlicher als im Falle von Aids (weil Veränderungen im Sexualverhalten weitgehend hinter verschlossenen Türen stattfinden).

Stellen wir uns eine Welt vor, in der wir in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Geschäften und im Büro gewohnheitsmäßig Masken tragen, eine Welt, in der wir einander mit einem Winken statt einer Umarmung oder Händeschütteln begrüßen, eine Welt, in der Großeltern ihre Enkel nur auf FaceTime sehen, eine Welt, in der Husten oder Schnäuzen in der Öffentlichkeit so beschämend ist wie Furzen, eine Welt, in der wir selten im Restaurant essen und selten fliegen, eine Welt ohne Theater und Kinos (außer ein paar Retro-Autokinos) und eine Welt, in der Fußball in stummen, leeren Stadien gespielt wird. (Wird es Jubel aus der Konserve geben, wenn ein Tor fällt – wie das Konservengelächter in Sitcoms?)

Ich bin nicht der Erste, der feststellt, dass aus den letzten wirklich tödlichen, durch Viren verursachten Pandemien einige Lehren zu ziehen sind – trotz den wichtigen Unterschieden zwischen HIV und Sars-CoV-2 und zwischen Aids und Covid-19. Eine Krankenschwester hat sich an die ähnlichen Reaktionen der Behörden erinnert – zunächst die Selbstgefälligkeit und dann die Stigmatisierung der Opfer (statt "chinesisches Virus" hieß das "die Schwulenseuche"). Im letzten Monat veröffentlichte die "New York Times" einen Artikel mit der Frage: "Sind Gesichtsmasken die neuen Kondome?" – dazu bestimmt, "allgegenwärtig, manchmal modisch und mit Ankündigungen öffentlicher Dienstleistungen beworben" zu werden.


Die Rückfallgefahr
Doch die Lektion von Aids bedeutet nicht, dass es "alles verändert hat". Wirklich auffallend an der Geschichte der Aids-Pandemie ist, dass das Verhalten sich nur teilweise geändert hat, nachdem man erkannt hatte, dass es sich um eine neue, tödliche Erkrankung handelte, die durch Sex und durch die gemeinsame Verwendung von Injektionsnadeln verbreitet wurde.

Seit es antiretrovirale Arzneimittel gibt, die verhindern, dass HIV-Träger an Aids sterben, ist der Angstfaktor kleiner geworden. Dennoch hätte man erwarten dürfen, dass ein bisschen mehr Angst bestehen bleibt. Gesellschaftliche Sitten verändern sich stärker, als man denkt. Angesichts einer tödlichen Erkrankung verändern sie sich allerdings auch weniger, als man vielleicht erwartet.

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Zum Nachdenken
Liebe Schülerinnen und Schüler!
Der Autor beginnt seinen Aufsatz mit: "Gesellschaftliche Sitten ändern sich stärker, als man denkt." Und am Ende fügt er hinzu: "Angesichts einer tödlichen Erkrankung verändern sie sich allerdings auch weniger, als man vielleicht erwartet."
Was ist deine Meinung dazu? Hat sich das in den letzten Wochen in deiner Umgebung gezeigt?
Wie merkst du – vielleicht sogar persönlich –, dass "Corona" in den letzten Wochen die Welt verändert hat? Was meinst du, was wir in unserem Alltag noch alles ändern müssten? Welche Änderungen werden wohl von Dauer sein?