Fasten und Verzichten

Mit diesem Text verbinden wir uns mit allen muslimischen Schüler/inne/n, die am 23. April den Fastenmonat Ramadan beginnen. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang enthalten sich die Gläubigen jeglicher Nahrungs- und Wasseraufnahme, des Rauchens und des Geschlechtsverkehres. Nach dem Sonnenuntergang wird das Fastenbrechen (iftar) mit einem Essen in Gemeinschaft begangen. Hierbei werden natürlich heuer die derzeitig so wichtigen Abstandsregeln auch Einschränkungen und das Brechen mit liebgewonnenen Begegnungen bringen. Den Abschluss des Ramadans bildet das dreitägige Fest des Fastenbrechens (id al-fitr, in der türkischen Tradition bayram - „Zuckerfest“ - genannt).

Sure 2,183 gibt im Koran die eigentliche Ausrichtung für das Fasten an: „Euch ist vorgeschrieben zu fasten, so wie es auch denjenigen, die vor euch lebten, vorgeschrieben worden ist, damit ihr fromm werdet.“ Frömmigkeit, Vertiefung des Glaubens ist kein theoretisches Konzept, sondern eine gelebte Tugend. Es geht nicht um eine Diät aus medizinischen oder ästhetischen Gründen oder um eine körperliche Übung. Die körperlichen Bedürfnisse werden überwunden, damit Raum geschaffen wird für das Nachdenken über andere Werte.
Alle Religionen kennen das Fasten, wenngleich die konkrete Ausgestaltung und die Bräuche im Einzelnen unterschiedlich gestaltet sind.

Warum ist das so, dass wir Fasten und Verzichten in den Religionen der Welt als „universales Prinzip“ finden?
Meine Antwort dazu lautet:
Weil es beim Fasten darum geht, eine Reise in sich zu machen, seine Charaktereigenschaften, seine Handlungen und seinen Werdegang kritisch zu überdenken. Es geht um Vorsätze und einen Neubeginn. Mit anderen Worten: Es geht um die Vervollkommnung des Menschen.
So wie der Körper immer wieder entschlackt und entgiftet werden soll, muss dies auch mit unserer Seele geschehen. Dazu gehört auch, dass wir Trägheit und Bequemlichkeit aufgeben und uns selbst überwinden. Gleichzeitig erfahren wir uns auch als Menschen mit Grenzen, manchmal auch ohnmächtig, auch mit schlechten Gewohnheiten und sogar Süchten. Insofern dient Fasten auch immer dem Frei-werden als Weg zu mir selbst. Gleichzeitig ist das religiöse Fasten immer auch mit Hinwendung verbunden: Zeichen der Verbundenheit mit dem barmherzigen Gott und Solidarität mit den Armen, den allzu vielen Menschen in dieser Welt, die täglich hungern müssen, weil wir die Güter unserer Erde so ungerecht verteilen. Viele Menschen teilen das beim Fasten im „Weniger-Brauchen“ Ersparte mit Notleidenden.

So sind die Religionen der Welt in ihrer Suche nach Vervollkommnung des Menschen und ihrer Hinwendung zu Gott und den anderen Menschen meiner Meinung nach weit mehr verbunden als sie getrennt sind.

In einem Gebet aus dem 6. Jahrhundert heißt es:

„Das Böse schwinde kraftlos hin,
das Gute blühe machtvoll auf,
Versöhnung finde jedes Herz,
das sich dem Werk der Umkehr weiht.“

(Gregor der Große)